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Lonesome - und zuweilen schwul

Lippische Landeszeitung vom 16. März 2006

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DAS INTERVIEW mit Westernreiter Erich Busch zum Oskar-prämierten Film
"Brokeback Mountain"

Eine Szene - wie gemalt:
Erich Busch auf dem Weg zum lippischen Westernreitzentrum in Linderhofe.

FOTO: DERSCHUM
VON STEFAN DERSCHUM

Lonesome - und zuweilen schwul
.Extertal-Linderhofe.

Ein Bild wie ein Gemälde. Die sanften Erhebungen in Extertal-Linderhofe hat der Winter noch in seine letzten Tage gehüllt, und unberührter Schnee stiebt unter den Hufen eines galoppierenden Pferdes in der Sonne glitzernd auseinander. Im Sattel sitzt, die Beine von sattbraun-ledernen Chaps geschützt, Erich Busch auf dem Heimweg zu seinem Hof, dem lippischen Westernreitzentrum. Bedeckte nicht eine Schirmmütze statt eines Stetson den Kopf, Erich Busch wäre in diesem Moment so etwas wie die Inkarnation aller existenten Cowboy-Symbolik. Befände man sich nicht just im östlichsten Teil Lippes, das Szenario wäre bare Westernpoesie, Marlboro-Country, Männerwelt. Seitdem der Oskarbelohnte Regisseur Ang Lee in dem viel umjubelten Liebesdrama "Brokeback Mountain" mit seiner Version das ursprüngliche Mannessein um eine bislang vernachlässigte Facette erweitert hat, erscheint es so, als fordere das Wort "Cowboy" zurzeit zwingend die Ergänzung durch das Adjektiv "schwul". Die beiden kernigen Protagonisten des Films haben mit ihrer Liebe und ihrem Sex die Westernwelt um den Aspekt der Homosexualität erweitert.
Bei der ersten Anfrage für ein Interview hatte auch Erich Busch prompt entgegnet: "Ich bin nicht schwul." Allerdings nicht erschrocken betont wie eine peinliche Klarstellung, sondern lediglich als nüchterne Information. Dann sprach der Westernfan über das maskuline Element und die Klischees des Westernreitens, aber auch über den Einfluss des Hollywoodstreifens auf die Country- und Westernszene.

Ist Westernreiten männlicher als Dressurreiten?
 Erich Busch: Zumindest dann, wenn man die Vorstellungen, die die meisten Leute davon haben, als Maßstab anlegen würde. Tatsächlich ist es so, dass auf unserem Hof nicht selten Männer als Spät- und Quereinsteiger von ihren bereits mit Pferden vertrauten Frauen zum Reiten gebracht werden und dann sagen: In irgendwelche weißen Strumpfhosen bekommst du mich aber nicht rein. Das Outfit, die Atmosphäre, der ganze Umgang miteinander spricht beim Westernreiten eher die Männer an - obwohl bei den Turnieren die Frauen wieder in der Überzahl sind.

Lernen Männer anders als Frauen?
 Busch: Definitiv. Männer und Frauen sind völlig unterschiedlich zu unterrichten. Männer legen eine ganz andere Lässigkeit an den Tag als Frauen. Mit Frauen muss man zunächst sehr viel über den Umgang mit dem Pferd sprechen - und über psychologische Elemente des Reitens. Sie wollen sehr zielorientiert alles richtig machen und verkrampfen dabei manchmal, weil sie die vielen Gedanken und Probleme mit in den Sattel nehmen. Lagerfeuer, starker schwarzer Kaffee aus Blechbechern, Sattelleder, Sporen, Überzieher, Hut, Staub - beim  Westernreiten kommt eine Menge derber Männersymbolik zusammen. Busch: Das kann man wohl sagen. Diese Klischees begegnen uns aber auch in vielen Städten. Sie kennen doch sicherlich die großen Plakate mit der Zigarettenwerbung? Frauen kommen da allerdings nicht vor.

Und diese Bilder prägen dann die Erwartungen der Männer, die bei Ihnen das Westernreiten erlernen wollen?
 Busch: Es ist ja nicht allein das Reiten, sondern das Gesamtkunstwerk. Sie sehen die Chaps, die Gürtelschnallen, den Grill - und entwickeln dazu ein Gefühl, das ihnen im Alltag nicht begegnet.

Eine Inszenierung?
 Busch: Nein. Es wäre falsch, die Klischees schematisch zu bedienen. Sondern die Situationen ergeben sich einfach. Wenn wir Hunger haben, rufen wir eben kein Pizzataxi, sondern werfen ein Nackensteak auf den Grill. Das ist eine Natürlichkeit, die selbstverständlich mit gewissen männlichen Erwartungen übereinstimmt. Wenn das Handeln jedoch nicht in das Umfeld passen würde, wirkte es nur noch lächerlich. Wir haben viel über Klischees, die oft auch Vorurteile bedienen, gesprochen. Das landläufige und in den Medien immer wieder zitierte Bild vom affektierten Schwulen, der seinen Cappuccino nur mit abgespreiztem Finger trinkt, passt doch nun überhaupt nicht in die raue Westernwelt.
 Busch: Wenn man alle homosexuellen Männer über diesen Kamm scheren würde, träfe das wohl zu. Das aber kann man nicht. Der schwule Mann, der in einer Berliner Szenekneipe einen Prosecco genüsslich kostet, lässt sich nicht mit einem homosexuellen Rodeoreiter bei den mittlerweile zahlreichen Turnieren in den USA vergleichen. Das Selbstverständnis der Männer aus den zwei Beispielen unterscheidet sich - trotz ihrer sexuellen Gemeinsamkeit - gravierend.

Warum wird die Liebe von zwei Cowboys zurzeit derart thematisiert? Da scheint es ja Irritationen zu geben.
 Busch: Weil diese Liebe in einem Zusammenhang stattfindet, der von gänzlich anderen, oftmals natürlich auch falschen Vorstellungen geprägt wird - Wilder Westen, Cowboys. Plötzlich kommt da jemand, der uns sagt: Hey, die harten Jungs können schwul sein. In den USA geht damit womöglich auch ein Teil der  klischeebeladenen geschichtlichen Identifikation baden. 2006 ist das noch ein Thema, 2016 wahrscheinlich nicht mehr. Obwohl (Erich Busch schmunzelt) - man müsste sich jetzt auch mal fragen, warum bei "Bonanza" so selten Frauen mitspielten. Hoss und Adam waren fast immer solo. Entweder starben die Frauen schnell, oder sie zogen nach San Francisco. Irgendwie verdächtig, damals schon. Oder?

Sie waren unter anderem auch Trainer der Karate-Nationalmannschaft von Island. Ist Kampfsport männlich?
 Busch: Nein, schon lange nicht mehr. Übrigens führen Frauen ihre Kämpfe meistens härter und verbissener als Männer.

Können Sie sich eher einen schwulen Karatekämpfer oder eher einen schwulen Tänzer vorstellen?
 Busch: Beim Karatekämpfer hätte ich zugegeben mehr Schwierigkeiten. Aber auch das liegt mehr an dem Umfeld und an den Vorstellungen von diesem Umfeld; weniger an dem tatsächlichen Selbstverständnis der jeweiligen Menschen. Dennoch existieren Bereiche, in denen Homosexualität bislang kaum thematisiert worden ist.

Es gibt beispielsweise bis heute kein Outing eines deutschen Profifußballers - rein statistisch betrachtet nahezu eine Unmöglichkeit. Liegt hier eine Furcht vor, dass Schwulsein den Mythos der Männlichkeit aushöhlen könnte?
 Busch: Das ist sehr gut möglich. Deshalb ist es wichtig, dass Filme wie "Brokeback Mountain" gedreht werden. Sie können Toleranz schaffen, indem sie andere Facetten der Wirklichkeit zeigen. Wie die Homosexualität bei Cowboys.

Wird der Streifen auch die allgemeinen Vorstellungen vom Westerndasein nachhaltig ergänzen?
 Busch: Was die Homosexualität angeht, bin ich skeptisch. Ich denke, dass die schönen Bilder des Films eher die Vorstellungen vom typischen Cowboy-Lifestyle bedienen und verstärken. Wir planen für dieses Jahr ein großes Western- und Countryfestival in Lippe, das genau dieses Lebensgefühl transportieren soll. Ich hoffe, dass "Brokeback Mountain" diesbezüglich ein Impuls ist. Ob schwul oder nicht - das hat für dieses Gefühl keine Bedeutung.